Wie das Christkind durchs Fenster entkam

von Melanie Buhl

 

Erwachsenengeheimnisse – wie Tilda dieses Wort hasste! Ständig tuschelten die Eltern und Großeltern über irgendetwas, scheinbar hochspannendes und nutzten das verhasste Wort, wenn Tilda neugierig nachfragte. Jetzt in der Weihnachtszeit wurde es besonders schlimm.

Tilda war ja kein Kleinkind mehr und wusste, dass es den Weihnachtsmann und den Osterhasen nicht gab. Das konnten die Erwachsenen einfach mal begreifen!

Der Osterhase war Oma Marga. Tilda hatte ihre Oma ertappt, wie sie auf einem Spaziergang immer hinter den anderen her schlenderte und die Schoko- und Zuckereier direkt vor ihre Füße warf. Dann rief sie ganz erstaunt: „Habt ihr die hier nicht gesehen?“

Tilda und ihr kleiner Bruder Jonas waren gerade erst vor Sekunden an der Stelle vorübergelaufen und hatten, trotz aufmerksamer Suche, keine der heißbegehrten Süßigkeiten gefunden. Kein Wunder, wenn Oma Marga die erst danach hinwarf! Tilda hatte bei dieser Entdeckung erst laut protestieren wollen, schwieg dann aber beleidigt. Sie kam sich veräppelt vor. Was sollte das? Trotzig hatte sie sich von da an geweigert, weiter an der Suche teilzunehmen. Jonas störte das nicht, so konnte er alle Ostereier in seinen eigenen Korb sammeln.

Dass es den Weihnachtsmann nicht gab, hatte Tildas Freund Ben im letzten Jahr lauthals durch die Klassenräume der ersten Klasse posaunt. Die Lehrerin hatte das damals als Anlass genommen, um mit den Kindern über Bräuche, zu den verschiedenen Festen zu sprechen. Okay, der Weihnachtsmann war also eine Erfindung der Industrie. Wenig spektakulär, fand Tilda. Trotzdem schien alle Welt an ihn zu glauben, wenn man der Werbung im Fernsehen und der Auslage in den Geschäften trauen konnte.

Nur das mit dem Christkind, das blieb ein Rätsel. Wenn Tilda ihre Lehrerin richtig verstanden hatte, dann war Jesus das Christkind und an Weihnachten wurde sein Geburtstag gefeiert. Dass es Jesus gegeben hatte, daran bestand scheinbar kein Zweifel. Allerdings fragte sich Tilda, wie Jesus wirklich ausgesehen haben mochte. Auf den Kreuzwegbildern in der Kirche war er ein Mann mit dunklen und glatten Haaren. Bilder vom Christkind zeigten aber ein blondgelocktes Mädchen.

Jedoch war es schon immer das Christkind gewesen, das bei ihnen die Geschenke unter den Christbaum legte. Also musste es das Christkind geben, wie auch immer es aussah, war Tildas Überzeugung. Der Weihnachtsmann war in all den Jahren nie bei Tildas Familie gewesen.

Ben hatte jahrelang Stein und Bein geschworen, dass der gute alte Mann, mitsamt seinem großen schweren Sack stets an Heilig Abend zu ihnen nach Hause kam und die Geschenke überreichte. Im letzten Jahr hatte sich aber herausgestellt, dass sein Onkel Johann unter dem weißen Bart und dem roten Mantel gesteckt hatte. An der Stimme hatte Ben ihn erkannt und sofort entlarvt! Was für eine grandiose und zugleich dramatische Entdeckung!

In diesem Jahr wollte Tilda besonders acht geben, ob sie das Christkind einmal sehen könnte und damit seine Existenz endlich bestätigt wäre.

Der Heilige Abend verlief wie in jedem Jahr. Der Tannenbaum wurde in die Stube getragen und von den Kindern mit Begeisterung geschmückt. Als Letztes klemmte Vater die Bienenwachskerzen in ihren goldenen Haltern an die Zweige. Auch ohne dass sie brannten, verströmten sie schon ihren weihnachtlichen Duft.

Dann gingen sie gemeinsam in die Kirche. Da Jonas noch so klein war, besuchte die Familie die Kinderchristmette, mit dem jedes Jahr wiederkehrenden Krippenspiel. Tilda liebte das Krippenspiel, obwohl sie es schon in- und auswendig kannte. Es war einfach eine wunderbare, fast magische Geschichte.

Als sie nach dem Stille Nacht – Heilige Nacht nach draußen gingen, hatte es angefangen zu schneien. Leise schwebten die winzigen Flocken zur Erde. „Fast wie ein Gruß vom Himmel – oder vom Christkind?“, fragte sich Tilda. Sie war mächtig aufgeregt und wollte schnell nach Hause. Ob das Christkind schon da gewesen war?

In den vergangenen Jahren war es immer gerade dann weggeflogen, wenn sie nach Hause kamen. Oft stand das Fenster noch einen Spalt offen und die Weihnachtsmusik hatte gerade erst angefangen zu spielen. Einmal mussten sie etwas länger vor der Stubentür warten. Das Christkind war scheinbar noch nicht fertig und es war ganz still hinter der Tür. Die beiden Kinder hatten aufmerksam an der Tür gelauscht, um vielleicht etwas vom Christkind zu hören. Tilda hatte dann auch gemeint, ein leises Klicken und ein Surren gehört zu haben, bevor die Musik anging. Diese Musik war immer das Zeichen dafür, dass das Christkind fertig war und die Kinder reinkommen durften.
Mit großen erwartungsvollen Augen ging es dann in die Stube. Stets lagen einige hübsch verpackte Geschenke unter dem Baum. Vater zündete die Kerzen an und jedes Kind sagte ein kleines Gedicht auf. Vom Christkind war zu diesem Zeitpunkt nichts mehr zu sehen, außer, dass manchmal das Fenster noch angekippt war. Tilda fragte sich allerdings, wie das Christkind durch diesen Spalt passte. Es musste sehr klein sein.

In diesem Jahr würde Tilda genau aufpassen. Sie hatte sich vorgenommen, nicht mit Jonas an der Tür zur Stube zu lauschen bis die Musik anging, sondern am Fenster im Treppenhaus stehen zu bleiben. Von dort aus könnte sie sehen, wenn das Christkind durchs Stubenfenster nach draußen flog.

Tilda drängelte ihre Eltern doch schneller zu gehen. Aber die ließen sich Zeit und erzählten noch ausgiebig mit den Eltern von Ben, die fast den gleichen Weg hatten. Ben berichtete Tilda von seinen Wünschen und der Hoffnung, möglichst viele erfüllt zu bekommen. Tilda hatte nur den einen Wunsch: endlich das Christkind zu sehen!

Erst als Jonas anfing zu niesen, verabschiedeten sich die Erwachsenen voneinander, wünschten sich ein frohes Fest und beide Familien gingen nach Hause.

Jetzt wurde es spannend, befand Tilda. Nachdem sie alle die Jacken und Schuhe ausgezogen hatten, standen ihre Mutter und ihr kleiner Bruder voller Erwartung vor der Stubentür. Vater lehnte etwas abseits am Garderobenschrank. Tilda hatte sich gleich ans Fenster gestellt und spähte hinaus. Das Schneetreiben wurde dichter und dichter, aber das Fenster zur Stube konnte sie trotzdem gut erkennen.

„Willst du nicht zu uns kommen, um zu hören, wenn die Musik angeht?“, fragte Mutter.

„Nööö … “, entgegnete Tilda, „ich lasse euch vorgehen!“ Dabei lehnte sie sich an die Wand neben dem Treppenhausfenster.

Vater und Mutter tauschen einen merkwürdigen Blick. Vater nickte leicht und Mutter zucke fast unmerklich mit den Schultern. Tilda sah das, konnte sich aber keinen Reim darauf machen. Sie drehte sich zum Fenster um und spähte angespannt wieder hinaus.

Genau in dem Moment hörte sie wieder das vertraute leise Klicken und ein Surren, dem sogleich die Weihnachtsmusik folgte. Jonas stürmte sofort in die gute Stube. Tilda hatte das Stubenfenster die ganze Zeit im Blick gehabt. Dort war ganz sicher niemand herausgeflogen.

Sie drehte sich um und konnte gerade noch sehen, wie Vater eine kleine schwarze Fernbedienung auf den Garderobenschrank zurücklegte! Ihr stockte der Atem. Sie verstand sofort, dass Vater die Stereoanlage in der Stube eingeschaltet hatte und damit die Musik zu spielen begann!

Dann gab es also gar kein Christkind, auch das war nur eine Erfindung der Erwachsenen. Tilda war empört!

Vater bemerkte sofort, dass seine Tochter ihn ertappt hatte. Er legte den Zeigefinger an die Lippen und machte „Psssst …“

Tilda blickte ihn wütend an. „Dann gibt es also das Christkind auch nicht?“, zischte sie.

„Nicht so laut. Natürlich gibt es das Christkind. Es ist ja Jesus, wie du weißt. Nur das Bild von dem blonden Kind im weißen Kleid, das ist nicht ganz richtig.“

„Aber dann lügt ihr Erwachsen uns Kinder doch an. Kein Christkind und kein Weihnachtsmann legen die Geschenke unter den Baum. Das seid ihr!“ Tilda standen Tränen der Enttäuschung in den Augen.

Vater nahm sie tröstend in den Arm. „Das stimmt. Wir Eltern und Großeltern machen das. Aber es stimmt auch wieder nicht. Denn jeder der an Jesus Christus glaubt, ist ein Christkind und darf anderen Menschen, zu Jesu Ehren, an dessen Geburtstag etwas schenken. Und wenn manche das in eine schöne mystische Geschichte verpacken, um den Zauber der Weihnacht zu verstärken, dann ist das nicht böse gemeint, sondern liebevoll.“

Tilda dachte darüber nach. Ja es war immer schön und spannend gewesen, als sie noch an all die erfundenen Gestalten geglaubt hatte. Wenn ihre Eltern diese Geschichten nicht erzählt hätten und für Tilda immer klar gewesen wäre, dass es keinen Osterhasen und keinen Weihnachtsmann gegeben hätte, dann hätte viel von der mystischen Stimmung gefehlt, die die Feste so besonders machte.
Aber nun wusste sie es. Würde sie Weihnachten noch so feiern können, wie bisher? Würde ihr der besondere Zauber nicht fehlen? Fragend schaute sie ihren Vater an. „Und jetzt?“

„Jetzt schauen wir mal, was Jonas unter dem Baum gefunden hat. Für ihn werden wir das Weihnachtsritual noch einige Jahre aufrecht halten. Du bist nun groß und kennst das Geheimnis. Lass deinen Bruder noch ein bisschen in dem Glauben an das kleine Christkind!“

Tilda nickte tapfer. Ja, Jonas würde es noch früh genug erfahren. Dann folgte sie ihrem Vater in die Stube. Der zündete die Kerzen am Baum an. Die funkelnden Lichter spiegelten sich in den Augen der ganzen Familie. Da spürte Tilda, dass gerade ein anderer Zauber geboren wurde. Einer, der ein Leben lang anhalten würde.

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