Anthologie
Herausgeber: Creativo – Initiativgruppe für Literatur, Wissenschaft und Kunst

Taschenbuch
Erscheinungsjahr: 2017
250 Seiten
Preis: 9,80 €
ISBN: 978-3-945346-63-1

Verlag: Fabuloso Verlag, Bilshausen

Die 7. Creativo-Anthologie „Fachwerkgeflüster aus dem Eichsfeld und anderswo“ ist die zweite Anthologie die ich mit meiner lieben Kollegin Michaela Schreier ins Leben gerufen und bis zur Erscheinung und darüberhinaus betreut habe. Natürlich wurden wir von weiteren Creativos bei der Auswahl der Texte, der Gestaltung und dem Lektorat unterstützt, aber irgendwie ist auch dieses Buch „unser Projekt“ geblieben.

Die Geschichten, die Fachwerkhäuser erzählen könnten, und die wir für diese Anthologie verfasst haben, sind sehr vielfältig. Mystisches, Spannendes, Lustiges und Trauriges wechseln sich ab in Form von Kurzgeschichten, Erzählungen und Lyrik.
Die Fachwerkgeschichten sind bei den Eichsfeldern, ehemaligen Eichsfeldern, Freunden und Besuchern unserer schönen Heimat sowie auch in anderswo sehr beliebt. Sie eignen sich übrigens sehr gut als Geschenk!

Hier geht´s zur Leseprobe

Lavendel im Mühlengarten
von Melanie Buhl

Das lilafarbene Blütenmeer schwang im Wind sanft hin und her und ließ Lilian die Welt um sich herum vergessen. Die junge Frau mit dem frechen blonden Kurzhaarschnitt lag mitten zwischen den abertausenden Lavendelblüten. Dieser intensive, einschläfernde Duft nahm sie mit auf eine Reise, die sie nie vergessen würde. Sie schloss die schweren Lider und als Lilian sie kurz darauf wieder öffnete und sich aufsetzte, hatt e sich die Welt um sie herum verändert.
Die alte Mühle stand noch an ihrem Platz, aber sie schien nicht mehr baufällig zu sein, nein – sie erstrahlte in herrschaftlicher Pracht, als hätten ihre Besitzer stets ein Auge darauf, sie liebevoll zu restaurieren und ihrem Fachwerk alle nur erdenkliche Pflege zukommen zulassen. Die Holzbalken waren frisch gestrichen und das Gefach dazwischen mit weißer Farbe verputzt. Die kleinen gardinenverhangenen Fenster sorgsam geputzt und mit Blumen geschmückt.
Auf der Bank vor der Mühle schlief eine schwarz-braune Katze. Eine Biene summte um ihren Kopf herum und ließ sie nicht zur Ruhe kommen, immer wieder zuckte die Katze abwehrend mit den Ohren, bis sie schließlich den Störenfried mit einem energischen Tatzenhieb verjagte. Die Biene verzog sich in Richtung Garten. Dieser war nicht mehr verwildert und lavendelüberwuchert, so wie Lilian ihn kannte, er war sorgsam angelegt. In seinen Beeten standen Möhren, Kartoffeln, Grünkohl und so mancherlei anderes kurz vor der Ernte.
Das Kurioseste, was Lilian bemerkte, war, dass die vormals stillgelegte Mühle wieder in Betrieb war. Das Mühlrad drehte sich langsam und kraftvoll und auch der eigentlich längst zugeschüttete Mühlbach führte sein klares Wasser munter von der Eller zur Mühle.
Lilian vernahm nun Summen und Geräusche von arbeitenden Männern. Das Geklapper der Mühle rückte in den Hintergrund. Neben der Mühle, wo sonst die alte Sankt Andreaskirche stand, befand sich eine große Baustelle. Das Sandstein-Mauerwerk, das im Entstehen war, war bereits als Kirche zu erkennen. Alle Seiten standen schon und die Zimmermänner legten gerade die Holzbalken für das Dach auf.
An der westlichen Seite war auch der mächtige Turm über die Hälfte fertig. Maurer standen auf den Gerüsten und wuchteten die riesigen Sandsteine aufeinander. Ein grandioser Anblick!
Lilian stand auf und wollte sich den Bau genauer betrachten. Sie verließ den Mühlgarten und bemerkte, dass sie fremde, etwas altbackene Kleidung trug. Auch ihre Hände sahen anders aus. Rau von harter Arbeit und von der Sonne braun gegerbt. Als sie die kleine Brücke über den Mühlbach betrat, erblickte sie ihr Spiegelbild im Wasser. Sie erschrak! Das war nicht sie, Lilian. Es war eine unbekannte junge Frau mit langen dunklen Haaren, die ihr aus traurigen Augen entgegenblickte. Sie war ihr fremd und doch irgendwie vertraut. Lilian blickte sich um, suchte nach Antworten darauf, was passiert war? War hier niemand der ihr das erklären konnte? Aber der Mühlgarten und die Gärten, die von der Eller am Mühlbach entlang lagen, waren menschenleer.
Ihr Blick schweifte erneut hinüber zu der anderen Seite der Mühle, zu den Männern, die an der Kirche arbeiteten. Sie erstarrte. Dort, den Mann kannte sie. Oder etwa doch nicht? Er stand auf dem Dach der Kirche. Seine kräftigen Zimmermannshände hielten den schweren Hammer in der rechten Hand und ließen ihn in einem stetigen Rhythmus auf die langen Nägel herabsausen. Er war ihr auf eine merkwürdige Art vertraut und doch wusste sie, dass sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Langes dunkles Haar umrahmte das Gesicht mit den stahlblauen Augen. Etwas in ihr erinnerte sich an seine Stimme, die dunkel und geheimnisvoll wie schwarzer Samt war und die ihr Herz schneller schlagen ließ.
Lilian schritt unsicher weiter über die Brücke, und als sie diese endgültig überquert hatte, war die Erinnerung an Lilian wie weggeblasen.
Sie war Greta, Magd beim kinderlosen Müller Jakob und seiner Frau Maria. Und dort auf dem Dach …